Ich Würde So Etwas Nie Ohne Lippenstift Lesen von Michaela Karl



Heute ist sie fast in Vergessenheit geraten, doch einst war Maeve Brennan gefeierte Autorin und Ikone der New Yorker Modewelt. Die schöne Rothaarige, bekannt dafür im kleinen Schwarzen und Perlenketten, die sie sich nicht leisten kann, durch Manhattan zu wirbeln, ist gebürtige Irin. Dort wächst sie im Haus von revolutionären Eltern auf, die mehr um den Kampf für die irische Unabhängigkeit als um die Sicherheit ihrer Kinder besorgt scheinen. Als Maeve 17 ist, zieht die Familie nach Washington D.C., wo ihr Vater für die irische Botschaft arbeitet. Für Maeve bedeutet dies sich endlich von den katholischen und streng konservativen Werten ihrer Heimatinsel befreien zu können. Zwar studiert die Bibliothekswissenschaften, da sie so gern von Büchern umgeben ist, doch als sie schließlich nach New York zieht ändern sich ihre Pläne schnell. Diese aufregende und aufgeregte Stadt wird schnell ihre Heimat und sie findet einen Job als Journalistin für das Modemagazin Harper’s Bazaar. In New York hat Maeve den Freiraum ihre Talente und ihre Persönlichkeit zu entfalten. Eines dieser Talente ist Trends zu erkennen bevor sie sich entwickeln. Doch ihre wahre Leidenschaft ist die Stadt selbst und das Beobachten ihrer Bewohner. Charmant wie sie ist, ist Maeve stets ein willkommener Gast bei Partys, doch statt sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen observiert sie lieber ihre Mitmenschen. Diese Beobachtungsgabe macht sie zu einer erfolgreichen Kolumnistin – inoffiziellen und Nachfolgerin Dorothy Parkers – als sie schließlich vom New Yorker abgeworben wird. Hier wird sie nicht nur bekannte Schriftstellerin, sondern schließt auch ihre engsten Freundschaften und findet Rückendeckung in misslichen Lebenslangen.


Obwohl New York ihre Heimat wird, bleibt Maeve in gewisser Hinsicht stets eine Reisende. Freiheit und Unabhängigkeit sind ihr wichtig und sie braucht häufig Veränderung. So zieht sie – mit ihren fünf Katzen – zwischen Apartments und Hotels umher, erkundet die ganze Stadt und bleibt kaum irgendwo länger als ein paar Monate. Dass viele ihrer Wohnungen keine Küchen besitzen spielt keine Rolle: die Autorin ernährt sich hauptsächlich von gekochten Eiern und Martinis. Doch was viele jahrelang aufregend und frei erscheint, wirkt später rastlos, gehetzt. Selbst ihre engsten Freunde lässt Maeve nie ganz an sich heran und von ihrer Familie entfremdet sie sich immer mehr. Die einzige Konstante in ihrem Leben scheint der New Yorker zu sein, immer bereit stillschweigend ihre Schulden zu bezahlen und sie zu unterstützen, selbst wenn sie jahrelang keine Kolumne verfasst. Auch als Maeve’s Ruhelosigkeit in Krankheit übergeht und sie sich mehrfach in psychiatrische Behandlung geben muss, steht die Redaktion ihr zur Seite. Die Schriftstellerin jedoch zieht sich immer mehr zurück, bricht schließlich mit all ihren Freunden und stirbt, tragisch vereinsamt, in einem Pflegeheim.


In Ich Würde So Etwas Nie Ohne Lippenstift Lesen schafft Michaela Karl es ein klares Bild von einer Autorin zu zeichnen, die so um ihre Privatsphäre bemüht war, und das ohne diese je zu zerstören. Anhand von Maeve’s Leben, ihrer Familie und ihren Schriftsteller Freunden erzählt Karl viel über die irische und Amerikanische Geschichte. In diesem Buch lernt man nicht nur Frau Brennan kennen, man erkundet New York und seine Kulturszene in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Besonders der Zusammenhalt in der Redaktion des Stadtmagazins hat mich beeindruckt. Das kreative und emotionale Wohl der Angestellten schien oft über dem finanziellen Interesse der Zeitung zu stehen. Es hat ein paar Kapitel gebraucht, bis ich mich an Michaela Karls Schreibstil gewöhnt habe, doch dann war ich begeistert von ihren detaillierten und respektvollen Schilderungen. Tatsächlich habe ich vorher noch nie von Maeve Brennan gehört, aber jetzt möchte ich unbedingt ihre Kurzgeschichten lesen. Michaela Karl soll auch eine phantastische Biografie über die wundervolle Dorothy Parker geschrieben haben, die nun natürlich auch auf meiner Lese-Wunschliste landet.

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